Tim Hauser spielt schon seit kleinauf Handball. Bildquelle: Jonas Ernst/Jonesproductions.de
Handball kennt kein Handicap
Handball in der Ortenau

Der 25 Jahre alte Tim Hauser spielt trotz geistiger Beeinträchtigung leidenschaftlich Handball. Vom 19. bis 24. Juni geht es mit den Feuervögel Sinzheim zu den Special Olympics nach Berlin.

Das Programm hat Tim Hauser genau im Kopf. ,,Die Eröffnungsfeier ist in der Alten Försterei. Am Mittwoch gibt es vor dem Brandenburger Tor eine Athleten-Disco, und die Abschlussfeier ist wieder vor dem Brandenburger Tor."

Die Vorfreude ist unverkennbar. Der 25 Jahre alte Handballer aus Gengenbach startet vom 19. bis 24. Juni mit den Feuervögel Sinzheim bei den Special Olympics in Berlin. Es sind die Nationalen Sommerspiele für Menschen mit geistiger Behinderung. Unter dem Motto ,,Gemeinsam stark" werden rund 4500 Athletinnen und Athleten in 20 Sportarten antreten.

Erstmals als Handballer dabei

Für Hauser sind die Special Olympics kein Neuland. In der Vergangenheit war er schon bei Veranstaltungen in München, Inzell, Todtnau, Kiel, Hannover und Karlsruhe am Start. Als Skifahrer und Snowboarder, als Beachvolleyballer und Schwimmer. Und nun erstmals als Handballer.

Seine geistige Beeinträchtigung war für Tim Hauser im Sport noch nie ein Handicap. In der C- und B-Jugend hat er bei der SG Gengenbach/Ohlsbach Handball gespielt, wurde sogar Bezirksmeister. Er war nicht nur dabei, er hat auch gespielt. ,,Wir haben immer versucht, ihn so gut wie möglich zu integrieren", sagt Mutter Lioba. Und Vater Peter ergänzt: ,,In der Jugend ist der Druck nicht so hoch. Da war das kein Problem."

Feuervögel seit 2018

2018 haben die Hausers dann von einem ganz besonderen Projekt gelesen: Der BSV Phönix Sinzheim rief gemeinsam mit der Lebenshilfe zu einem inklusiven Handball-Tag auf. Auf dem T-Shirt stand, um was es geht: ,,Handball kennt kein Handicap." Der Erfolg war überwältigend. ,,Er hat uns völlig überrascht", sagt Jonas Ernst aus dem Trainerteam.

Schon eine Woche später waren 14 Leute beim Training, die Feuervögel waren geboren: eine Handball-Mannschaft mit geistig behinderten Sportlern, männlich wie weiblich, die heute rund 20 Personen umfasst, alle zwischen 14 und 36 Jahre alt.

Samstag ist Trainingstag

Jeden Samstagmorgen ist Training. Jonas Ernst übernimmt den handballerischen Part, Matthias Karcher ist für Organisation und Training zuständig. Dazu kommen Sabrina Ernst, die Schwester von Jonas, und Manuel Pflüger.

Peter Hauser hat seinen Sohn zunächst jeden Samstag mit dem Zug zum Training begleitet. Von Gengenbach nach Offenburg, dann nach Bühl und schließlich mit dem Interregio-Bus nach Sinzheim. Mittlerweile meistert Tim die Strecke alleine. Von jeder Station meldet er sich per Handy. ,,So wissen wir, dass alles in Ordnung ist", sagt Lioba Hauser, die bei Zugverspätungen im Internet recherchiert und dem Sohn die Lage weitergibt.

Spiele in einer Liga

Die Feuervögel spielen in einer richtigen Liga gemeinsam mit den Wiesel Wiesloch und den Tornados Durlach. Gespielt wird 3x20 Minuten nach den ganz normalen Regeln. Handballtechnisch sind die Spieler und Spielerinnen auf einem unterschiedlichen Level. ,,Das reicht von Angst vor dem Ball bis zu einem Niveau, dass man den Spieler auch problemlos in unserer dritten Mannschaft einsetzen könnte", erzählt Ernst. Die Spiele werden von richtigen Schiedsrichtern geleitet. Da ist manchmal Fingerspitzengefühl gefragt. ,,Und Ermessungssache", gibt Ernst zu und nennt ein kleines Beispiel. ,,Ein Schrittfehler wird manchmal nicht so genau genommen. Wenn jemand aber gut spielt, pfeift man den dann auch."

Tim Hauser ist fit. Im Handball und auch in den Regeln. ,,Man merkt ihm an, dass er den anderen viel voraus hat", sagt Ernst. Und der Gengenbacher ist ehrgeizig, versucht alles sofort umzusetzen. Bei einem Spiel zwischen den Frauen von Bietigheim und Dortmund etwa hat ihn der Hüftwurf von Nationalspielerin Alina Grijseels dermaßen beeindruckt, dass er fortan nur noch diese Wurfvariante eingesetzt hat. ,,Ich habe ihm dann erklärt, dass er abwechseln muss", lacht Peter Hauser, der die Landesliga-Frauen des TV Gengenbach coacht.

Nationalmannschaft das Ziel

Tim Hauser spielt Halbrechts oder Mitte, antipiziert hervorragend und liebt den Tempogegenstoß. Sein großer Traum? ,,Ich will Nationalspieler werden." Berlin könnte für ihn eine gute Bühne sein, um im kommenden Jahr mit der deutschen Nationalmannschaft bei den weltweiten Special Olympics dabei zu sein, die erstmals in Deutschland - auch in Berlin - stattfinden werden.

Beim Sport blüht Tim Hauser auf. Der Sport ist in seinem Leben eine große Bereicherung. Er kann sich austoben, und er findet Bestätigung. ,,Wenn er einen Erfolg hat, ist er viel ausgeglichener", hat Lioba Hauser erkannt.

Als Jugendlicher lebte er im Internat der Bregtal-Schule in Furtwangen, dort wurde sein Sport-Talent außerordentlich gefördert. So fährt Tim Hauser auch Ski und Snowboard, im Sommer liebt er das Wellenreiten beim Familien-Urlaub an der Nordsee.

Viel Selbstständigkeit erworben

Tim Hauser hat auch noch andere Träume. ,,Eine eigene Wohnung", sagt er. Dieser Traum wird vielleicht schwerer zu erfüllen sein als der von der Nationalmannschaft. Doch dank eines Elternhauses, das ihn stets förderte und auch forderte, hat der junge Mann viel Selbstständigkeit erworben. In Gengenbach kann er sich mit dem Fahrrad alleine orientieren. Der 25-Jährige, der bei den Reha-Werkstätten in Offenburg arbeitet und seine Arbeitsstelle bei Emons in Gengenbach hat, fährt dort mit dem Rad genauso hin wie ins Schwimmbad, zur Freizeitanlage Schneckenmatt, zur Freizeitgruppe Goldring Gengenbach oder zu den Fußballplätzen der SG Gengenbach/Reichenbach und des FC Ankara Gengenbach. Oft im Bayern-Trikot, seinem Lieblingsverein, und mit dem Fußball auf dem Gepäckträger.

Jetzt geht es mit den Feuervögeln nach Berlin. Die Eltern bleiben zu Hause, wissen ihren Sohn aber in guten Händen. ,,Was die in Sinzheim auf die Beine stellen, hat viel Respekt verdient", sagt Lioba Hauser.

Noch nicht am Ziel

Seit der Gründung 2018 und unter Berücksichtigung der Corona-Zwangspause haben die Feuervögel auch sportlich enorme Fortschritte gemacht. Am Ziel sind sie indes noch lange nicht. Die Tornados Durlach beispielsweise treten in Berlin in der Kategorie ,,Unitfied" an. Dort spielen Menschen mit und ohne geistige Behinderung in einer Mannschaft. Dass dies irgendwann zur Selbstverständlichkeit wird, hofft auch Lioba Hauser. ,,Wir müssen daran arbeiten, Menschen mit Behinderung weiter zu integrieren. Noch sind wir ganz am Anfang", spricht sie aus Erfahrung. Denn Inklusion sei zwar in aller Munde, gelebte Integration aber noch immer viel zu selten präsent.

Keine Samthandschuhe

Beim BSV Phönix Sinzheim sind die Feuervögel vollwertige Mitglieder, zahlen alle einen ermäßigten (Jugend)-Beitrag, haben Rechte, aber auch Pflichten. So müssen sie auch Helferdienste bei Veranstaltungen leisten. ,,Darauf freuen sie sich sogar, das macht ihnen großen Spaß", hat Jonas Ernst festgestellt, der genau wie seine Mitstreiter keine Samthandschuhe trägt. ,,Wir machen ganz normales Training. Da gibt es auch mal eine Ansage", betont er. Was ihm besonders imponiert: ,,Die Ehrlichkeit." Das gilt für das Feedback seiner Schützlinge wie auch für deren Freude. ,,Es gibt keinen schöneren Jubel nach einem Tor als in unserer Mannschaft."

Wie viele Tore man in Berlin bejubeln wird können, ist sekundär. ,,Der Leistungsgedanke spielt bei uns keine Rolle", stellt Ernst klar. Es gehe darum, Spaß zu haben. ,,Und in glückliche Gesichter zu schauen."

 
Handball kennt kein Handicap
Tim Hauser spielt schon seit kleinauf Handball. Bildquelle Jonas Ernst/Jonesproductions.de

Der 25 Jahre alte Tim Hauser spielt trotz geistiger Beeinträchtigung leidenschaftlich Handball. Vom 19. bis 24. Juni geht es mit den Feuervögel Sinzheim zu den Special Olympics nach Berlin.

Das Programm hat Tim Hauser genau im Kopf. ,,Die Eröffnungsfeier ist in der Alten Försterei. Am Mittwoch gibt es vor dem Brandenburger Tor eine Athleten-Disco, und die Abschlussfeier ist wieder vor dem Brandenburger Tor."

Die Vorfreude ist unverkennbar. Der 25 Jahre alte Handballer aus Gengenbach startet vom 19. bis 24. Juni mit den Feuervögel Sinzheim bei den Special Olympics in Berlin. Es sind die Nationalen Sommerspiele für Menschen mit geistiger Behinderung. Unter dem Motto ,,Gemeinsam stark" werden rund 4500 Athletinnen und Athleten in 20 Sportarten antreten.

Erstmals als Handballer dabei

Für Hauser sind die Special Olympics kein Neuland. In der Vergangenheit war er schon bei Veranstaltungen in München, Inzell, Todtnau, Kiel, Hannover und Karlsruhe am Start. Als Skifahrer und Snowboarder, als Beachvolleyballer und Schwimmer. Und nun erstmals als Handballer.

Seine geistige Beeinträchtigung war für Tim Hauser im Sport noch nie ein Handicap. In der C- und B-Jugend hat er bei der SG Gengenbach/Ohlsbach Handball gespielt, wurde sogar Bezirksmeister. Er war nicht nur dabei, er hat auch gespielt. ,,Wir haben immer versucht, ihn so gut wie möglich zu integrieren", sagt Mutter Lioba. Und Vater Peter ergänzt: ,,In der Jugend ist der Druck nicht so hoch. Da war das kein Problem."

Feuervögel seit 2018

2018 haben die Hausers dann von einem ganz besonderen Projekt gelesen: Der BSV Phönix Sinzheim rief gemeinsam mit der Lebenshilfe zu einem inklusiven Handball-Tag auf. Auf dem T-Shirt stand, um was es geht: ,,Handball kennt kein Handicap." Der Erfolg war überwältigend. ,,Er hat uns völlig überrascht", sagt Jonas Ernst aus dem Trainerteam.

Schon eine Woche später waren 14 Leute beim Training, die Feuervögel waren geboren: eine Handball-Mannschaft mit geistig behinderten Sportlern, männlich wie weiblich, die heute rund 20 Personen umfasst, alle zwischen 14 und 36 Jahre alt.

Samstag ist Trainingstag

Jeden Samstagmorgen ist Training. Jonas Ernst übernimmt den handballerischen Part, Matthias Karcher ist für Organisation und Training zuständig. Dazu kommen Sabrina Ernst, die Schwester von Jonas, und Manuel Pflüger.

Peter Hauser hat seinen Sohn zunächst jeden Samstag mit dem Zug zum Training begleitet. Von Gengenbach nach Offenburg, dann nach Bühl und schließlich mit dem Interregio-Bus nach Sinzheim. Mittlerweile meistert Tim die Strecke alleine. Von jeder Station meldet er sich per Handy. ,,So wissen wir, dass alles in Ordnung ist", sagt Lioba Hauser, die bei Zugverspätungen im Internet recherchiert und dem Sohn die Lage weitergibt.

Spiele in einer Liga

Die Feuervögel spielen in einer richtigen Liga gemeinsam mit den Wiesel Wiesloch und den Tornados Durlach. Gespielt wird 3x20 Minuten nach den ganz normalen Regeln. Handballtechnisch sind die Spieler und Spielerinnen auf einem unterschiedlichen Level. ,,Das reicht von Angst vor dem Ball bis zu einem Niveau, dass man den Spieler auch problemlos in unserer dritten Mannschaft einsetzen könnte", erzählt Ernst. Die Spiele werden von richtigen Schiedsrichtern geleitet. Da ist manchmal Fingerspitzengefühl gefragt. ,,Und Ermessungssache", gibt Ernst zu und nennt ein kleines Beispiel. ,,Ein Schrittfehler wird manchmal nicht so genau genommen. Wenn jemand aber gut spielt, pfeift man den dann auch."

Tim Hauser ist fit. Im Handball und auch in den Regeln. ,,Man merkt ihm an, dass er den anderen viel voraus hat", sagt Ernst. Und der Gengenbacher ist ehrgeizig, versucht alles sofort umzusetzen. Bei einem Spiel zwischen den Frauen von Bietigheim und Dortmund etwa hat ihn der Hüftwurf von Nationalspielerin Alina Grijseels dermaßen beeindruckt, dass er fortan nur noch diese Wurfvariante eingesetzt hat. ,,Ich habe ihm dann erklärt, dass er abwechseln muss", lacht Peter Hauser, der die Landesliga-Frauen des TV Gengenbach coacht.

Nationalmannschaft das Ziel

Tim Hauser spielt Halbrechts oder Mitte, antipiziert hervorragend und liebt den Tempogegenstoß. Sein großer Traum? ,,Ich will Nationalspieler werden." Berlin könnte für ihn eine gute Bühne sein, um im kommenden Jahr mit der deutschen Nationalmannschaft bei den weltweiten Special Olympics dabei zu sein, die erstmals in Deutschland - auch in Berlin - stattfinden werden.

Beim Sport blüht Tim Hauser auf. Der Sport ist in seinem Leben eine große Bereicherung. Er kann sich austoben, und er findet Bestätigung. ,,Wenn er einen Erfolg hat, ist er viel ausgeglichener", hat Lioba Hauser erkannt.

Als Jugendlicher lebte er im Internat der Bregtal-Schule in Furtwangen, dort wurde sein Sport-Talent außerordentlich gefördert. So fährt Tim Hauser auch Ski und Snowboard, im Sommer liebt er das Wellenreiten beim Familien-Urlaub an der Nordsee.

Viel Selbstständigkeit erworben

Tim Hauser hat auch noch andere Träume. ,,Eine eigene Wohnung", sagt er. Dieser Traum wird vielleicht schwerer zu erfüllen sein als der von der Nationalmannschaft. Doch dank eines Elternhauses, das ihn stets förderte und auch forderte, hat der junge Mann viel Selbstständigkeit erworben. In Gengenbach kann er sich mit dem Fahrrad alleine orientieren. Der 25-Jährige, der bei den Reha-Werkstätten in Offenburg arbeitet und seine Arbeitsstelle bei Emons in Gengenbach hat, fährt dort mit dem Rad genauso hin wie ins Schwimmbad, zur Freizeitanlage Schneckenmatt, zur Freizeitgruppe Goldring Gengenbach oder zu den Fußballplätzen der SG Gengenbach/Reichenbach und des FC Ankara Gengenbach. Oft im Bayern-Trikot, seinem Lieblingsverein, und mit dem Fußball auf dem Gepäckträger.

Jetzt geht es mit den Feuervögeln nach Berlin. Die Eltern bleiben zu Hause, wissen ihren Sohn aber in guten Händen. ,,Was die in Sinzheim auf die Beine stellen, hat viel Respekt verdient", sagt Lioba Hauser.

Noch nicht am Ziel

Seit der Gründung 2018 und unter Berücksichtigung der Corona-Zwangspause haben die Feuervögel auch sportlich enorme Fortschritte gemacht. Am Ziel sind sie indes noch lange nicht. Die Tornados Durlach beispielsweise treten in Berlin in der Kategorie ,,Unitfied" an. Dort spielen Menschen mit und ohne geistige Behinderung in einer Mannschaft. Dass dies irgendwann zur Selbstverständlichkeit wird, hofft auch Lioba Hauser. ,,Wir müssen daran arbeiten, Menschen mit Behinderung weiter zu integrieren. Noch sind wir ganz am Anfang", spricht sie aus Erfahrung. Denn Inklusion sei zwar in aller Munde, gelebte Integration aber noch immer viel zu selten präsent.

Keine Samthandschuhe

Beim BSV Phönix Sinzheim sind die Feuervögel vollwertige Mitglieder, zahlen alle einen ermäßigten (Jugend)-Beitrag, haben Rechte, aber auch Pflichten. So müssen sie auch Helferdienste bei Veranstaltungen leisten. ,,Darauf freuen sie sich sogar, das macht ihnen großen Spaß", hat Jonas Ernst festgestellt, der genau wie seine Mitstreiter keine Samthandschuhe trägt. ,,Wir machen ganz normales Training. Da gibt es auch mal eine Ansage", betont er. Was ihm besonders imponiert: ,,Die Ehrlichkeit." Das gilt für das Feedback seiner Schützlinge wie auch für deren Freude. ,,Es gibt keinen schöneren Jubel nach einem Tor als in unserer Mannschaft."

Wie viele Tore man in Berlin bejubeln wird können, ist sekundär. ,,Der Leistungsgedanke spielt bei uns keine Rolle", stellt Ernst klar. Es gehe darum, Spaß zu haben. ,,Und in glückliche Gesichter zu schauen."